Interview André Henning
"Niemand sollte seine Wirkung aufs Team unterschätzen"
28. November 2025
Gerade sind die HONAMAS zurück vom Camp in Südafrika. Wir haben mit Bundestrainer André Henning ausführlich über aktuelle Entwicklungen innerhalb des Kaders, Achsenbildung und den Ausfall von "Gonzo" Peillat gesprochen.
DHB: André Henning, vielleicht starten wir mit der FIH-Ehrung für Jean Danneberg als Torwart des Jahres. Was sagst Du als sein Trainer in der Nationalmannschaft dazu?
Ich freue mich wahnsinnig für Jean – auch, weil ich seinen Weg sehr gut kenne. Er hat in seinem Leben, aber auch speziell als Torhüter, einige Herausforderungen meistern müssen. Er ist jemand, der sich unglaublich in seine Aufgabe hineinkniet, den jeder kleine Fehler ärgert und der jeden Tag besser werden will. Das ist ein hart erarbeiteter Titel.
Natürlich bringen solche Spieler immer auch ein herausragendes Talent mit. Das hat Jean zweifellos. Aber bei ihm kommen Talent und maximale Arbeitsbereitschaft wirklich zusammen. Und dann muss man sich vor Augen halten: Er ist der jüngste Torhüter aller Zeiten, der diesen Award gewonnen hat – und übrigens der erste deutsche überhaupt.
Man könnte ja denken, das käme zu früh. Ich habe eher das Gefühl, dass ihm dieser Titel auch eine gewinnbringende Lockerheit gibt. Nicht im Sinne von Nachlässigkeit, sondern im Sinne von innerer Ruhe. Dass er damit ein Stück entspannter in die Zukunft gehen kann. Er ist erst 22 und hat in diesem Alter schon unfassbar viel erreicht. Damit muss man auch erst einmal klarkommen.
DHB: Ihr seid gerade zurückgekehrt vom Trainingscamp in Südafrika. Wie sah die aktuelle Gruppe aus? Was war neu, wer war dabei?
Wir waren diesmal mit 27 Spielern hier. Das war mir wichtig, weil einige jüngere Spieler dabei waren, auch neue Gesichter, die sich in der Bundesliga gezeigt haben und jetzt ihre Chance verdient haben. Gleichzeitig hatten wir viele Etablierte dabei – wir hatten in den letzten Jahren ohnehin einen breiten Pro-League-Kader.
Unsere besondere Herausforderung ist, dass wir weniger gemeinsame Trainingszeit haben als andere Nationen. Deshalb müssen wir unseren Kernkader klarer definieren und einspielen, ohne anderen die Chance zu nehmen, sich zu zeigen. Genau dafür ist dieses Camp da. Beim nächsten Lehrgang im Dezember in Irland wird der Kader kleiner – und hier konnte sich jetzt jeder in Stellung bringen.
DHB: Du hast vor der neuen Pro-League-Saison gesagt, du möchtest wieder öfter mit dem Kern spielen. Bedeutet das auch, dass du auf feste Achsen setzt?
Das gehört dazu. Eine Achse ergibt sich ja automatisch aus einem funktionierenden Kern. Einige zentrale Verbindungen sind schon sehr klar. Aber durch den Rücktritt von Mats Grambusch und durch Luki Windfeders Karriereende müssen Schlüsselpositionen neu besetzt werden. Da bin ich neugierig, wer diese Rollen übernimmt.
Wir brauchen Spieler, die Führungs- und Steuerungsaufgaben annehmen. Das wird dann eine neue Achse – wann genau sie steht, ob im Dezember, im Februar in Australien oder erst im Sommer, das wird man sehen. Aber klar ist: Erst wenn diese Achsen funktionieren, ist echte spielerische Weiterentwicklung möglich. Und genau die brauchen wir. Wir waren erfolgreich, keine Frage, aber wir wollen spielerisch deutlich besser werden. Gleichzeitig haben alle eine wichtige Rolle. Unser Erfolgsgeheimnis war in den letzten Jahren, dass wir nicht niemanden durch eine starke Hierarchie eingeschränkt haben. Wir brauchen Ideen und Verantwortungsübernahmen von jedem einzelnen. Niemand sollte seine Wirkung aufs Team unterschätzen.
DHB: Du sprichst von Lenkung und Steuerung. Wie läuft das im täglichen Arbeiten mit der Mannschaft?
Es ist immer ein Zusammenspiel. Die Jungs bekommen natürlich Feedback von uns, aber sie arbeiten auch viel untereinander. Sie reflektieren unmittelbar nach Trainings- oder Testspielen: Was hätte uns in dieser Situation besser gemacht?
Am Ende sind sie diejenigen, die in Drucksituationen funktionieren müssen. Wir denken „vom Ende her“: Was braucht ein Team, um ein K.-o.-Spiel bei einer WM zu gewinnen? Es gibt Mannschaften, die zerreißt es in solchen Momenten – wir müssen Verbindung halten. Das kann ich anstoßen, aber die Verantwortung liegt auf dem Platz.
Deswegen schaffen wir Trainingsformen, die Drucksituationen sehr nahekommen. Und daneben gibt es Räume, in denen die Spieler miteinander sprechen, Lösungen finden, Abläufe klären. Der Stürmer muss dem Verteidiger sagen, welche Bälle er braucht – nicht ich. Meine Rolle bleibt wichtig, aber das Entscheidende passiert zwischen ihnen.
DHB: Es wurde viel geackert in Südafrika. Die Einheiten waren intensiv, gerade auch die Laufeinheiten. Was erwartest du von einem Camp wie diesem, das physisch so intensiv ist?
Dass wir die Limits, die wir aus unserem Alltag kennen, in gewissem Umfang überschreiten und neu definieren. Das steuert vor allem unser Athletiktrainer, der auch datenorientiert arbeitet.
Er misst alles per GPS: Richtungswechsel, Laufdistanz, Sprints. Wenn wir sagen, wir wollen heute 120 Prozent der Belastung eines Länderspiels erreichen, dann ist das das Ziel – und dann wird das auch überprüft. Wenn Werte nicht erreicht wurden, wird eben nachtrainiert. Gleichzeitig haben wir auch eine Menge taktischer und spielerischer Entwicklungsziele, die wir verfolgen.
Das Schöne ist: Ich muss dafür keine großen Ansagen machen. Das System und unsere Abläufe sind klar, die Ziele auch– und die Jungs mögen es in diesem fantastischen Umfeld in Südafrika tatsächlich auch, hart zu arbeiten.
DHB: Gibt es schon eine Art Zieldefinition für die Pro League oder die WM?
Wir haben es noch nicht formal besprochen. Aber eigentlich war es jedes Jahr ähnlich: Wenn die Jungs zu einem Turnier fahren, ist das Ziel immer, um den Sieg mitzuspielen. Das ist unser Anspruch – und dafür sind wir gut genug.
Gleichzeitig gibt es im Moment sechs, sieben, acht Teams auf nahezu einem Niveau. Da gehören wir dazu. In der Pro League wird viel davon abhängen, wie gut wir trotz der hohen Belastung in Deutschland – enger Zeitplan, viele Liga-Spiele und vor allem Doppel-Wochenenden – gesund bleiben und wie oft wir den Kern zusammen haben. Wenn das passt, können wir wieder oben mitspielen. Das wird aber zunehmend ein Drahtseilakt.
DHB: Wir müssen noch über Gonzalo Peillat sprechen. Wie sehr trifft Dich und Euch seine Verletzung und wie versuchst Du, diese große Lücke zu schließen?
Gonzo ist einer der besten Eckenschützen der Welt und ein herausragender Spieler. Vor allem aber ist er ein unglaublich positiver Mensch, der viel Energie ausstrahlt und andere in schwierigen Momenten mitreißt. Das wird fehlen. Er ist ein harter Arbeiter und das wird er jetzt auch bei der Reha zeigen. Wir werden ihn wiedersehen und er wird ohne Frage extrem fit zurückkehren. Bis dahin wird es das Team auffangen. Wir suchen keinen zweiten Gonzo, das geht nicht. Viele werden die Aufgaben durch ihre Stärken ganz individuell übernehmen.
Gibt es eigentlich Sportart, aus der du für deine Trainerarbeit am meisten ziehst – abgesehen vom Hockey?
Schwer, das auf eine festzulegen. Ich schaue viel Sport, und je nachdem, worüber wir sprechen, inspiriert mich Unterschiedliches.
Mit Kollegen aus dem Fußball bin ich gerade viel im Austausch – da gibt es durch die strukturelle Ähnlichkeit natürlich viele Parallelen. Was Teamprozesse betrifft, schaue ich zum Beispiel oft auf Basketball. Für mentale Themen sind Golf oder Tennis hilfreich. Tennis ist ein perfektes Beispiel für individuelle mentale Stärke. Und ich hatte gerade die Freude und Ehre den Coaching Staff der All Blacks, also dem neuseeländischen Rugby-Team für einen Tag zu treffen und zu begleiten.
Es hängt also davon ab, ob wir über Mentalität, Taktik, Führung oder Teamverhalten sprechen. Momentan prägt mich wahrscheinlich Fußball am meisten, einfach durch die Nähe im Alltag.
kbe